Internet in Gefahr?

Es könnte so pauschal formuliert werden: „Das Internet ist in Gefahr“. Interessant wird die Frage aber eigentlich erst, wenn der Fokus darauf gerichtet wird, was da gefährdet wird und wodurch. Spiegel-Online hat eine interessante, bei WIRED geführte Debatte aufgegriffen, die sich damit auseinandersetzt wer künftig, dass Web regiert: das Kapital vs. die User. Statt auf einige andere Sachen, die da auch verzapft werden, will ich aber auf die Fokussierung eines Problems eingehen, die eine größere Gefahr verdeckt. Außerdem führt sie den Spiegel-Autoren zu der falschen Annahme, die Entwicklung könnte dahin führen, dass das Internet die Wirtschaft demokratisiert, wobei sie den Gedanken der Soziokratie ähnelnde modische Thesen verwenden.

Das Internet ist ein Raum, in dem allen Usern in besonderen Maße ermöglicht wird, das Web zu gestalten und zu nutzen, sofern sie bereits die vorausgesetzte Möglichkeit haben, überhaupt das Internet zu nutzen. Nun drohen durch Kapitalinteressen diese besonderen Verhältnisse, denen wir viele von einer globalen Gemeinschaft erzeugte Dinge verdanken, hierarchisiert zu werden:

Ein Parallel-Internet, für das Unternehmen Eintrittsgeld zahlen müssen, könnte die Innovationskraft des Netzwerks massiv beschädigen, glaubt der New Yorker Internet-Rechtler Tim Wu: Hätte es 1995 ein zweispuriges Internet gegeben, hätte der Buchhändler Barnes & Noble Amazon zerstört, Microsoft Search hätte Google geschlagen, und Skype hätte niemals an den Start gehen können, glaubt er. (SZ, 15.08.2010)

Vom Spiegel-Autoren allerdings wird das Problem darin ausgemacht, dass wir ständig mit Produkten eingedeckt werden, die uns den Internetkonsum einfacher und gemütlicher machen, was für sich eine begrüßenswerte Entwicklung ist. Er benutzt also die richtige und gute Gegenüberstellung von aktivem und passivem Gebrauch des Internets. Doch er reduziert die Aktivität darauf, sich ab und zu mal zu beschweren und damit gelegentlich sogar gegenüber den Service-Anbietern etwas durchzusetzen. Dadurch verwandelt er den Gegensatz in interessierten Konsum vs. unterwürfiger Konsum. Damit geht aber der Wert der Aktivität verloren, der im aktiven Gebraucht des Internets liegt: nämlich selbst (weitgehend) ohne Einschränkungen in einer community oder alleine etwas zu produzieren und damit selbst den Inhalt und die Funktionsweise des Webs zu bestimmen. Indem das Problem allein im Konsumismus gesehen wird, wird die gravierendere Gefahr verdeckt. Die Ökonomisierung des Webs könnte alternative, partizipatorische, nicht-kapitalistische Produktionsweisen verdrängen oder zumindest stark einschränken. Wenn also „das Internet in Gefahr ist“, dann nicht irgendwie die Notwendigkeit, sich alle Daten selbst raussuchen zu müssen anstatt sie durch Apps geliefert zu bekommen, sondern in Gefahr ist ein in besonderem Maße freier und gleicher Zugang mit all seinen fortschrittlichen Aspekten.