Über den Kommunismus reden?

Im Gegensatz zur grundsätzlichen Skepsis gegenüber Politischem findet die Skepsis gegenüber Utopismus, Optimismus und Revolutionshoffnungen ihren Verdacht in den regressiven Tendenzen der revolutionären Bewegungen des 20 Jahrhunderts begründet. (Auf deren angemessene Berücksichtung klopft spiegelschrift verschiedene Ansätze ab.)

Aber sollen wir deswegen gar nicht mehr von einer besseren Welt sprechen? Sollten wir ein Bilder- und Redeverbot über Sozialismus, Kommunismus und die Gesellschaft freier ProduzentInnen verhängen? Die revolutionären Hoffnungen wurzeln tatsächlich oft in einem überkommenen politischen Glauben oder in dem tiefen Bedürfnis, sich als besonders wahrhaft und radikal gegen das falsche Ganze zu gerieren.1 Doch muss deswegen nicht alle Rede von einer besseren Welt korrumpiert und unmittelbar zu verwerfen sein. Mit der nötigen, durch Kritik fundierten Vorsicht verhelfen ihr etwa Walter Benjamin, Max Horkheimer und Theodor W. Adorno zur Sprache.

So schreibt Walter Benjamin in den Geschichtsthesen (1939) von der Hoffnung und der Erlösung, die wir nur wahrnehmen können durch das „durch und durch von der Zeit tingiert[e]“ Bild von Glück, das wir in unserem Alltag ganz körperlich erfahren:

»Zu den bemerkenswerthesten Eigenthümlichkeiten des menschlichen Gemüths«, sagt Lotze, »gehört – neben so vieler Selbstsucht im Einzelnen die allgemeine Neidlosigkeit jeder Gegenwart gegen ihre Zukunft.« Diese Reflexion führt darauf, daß das Bild von Glück, das wir hegen, durch und durch von der Zeit tingiert ist, in welche der Verlauf unseres eigenen Daseins uns nun einmal verwiesen hat. Glück, das Neid in uns erwecken könnte, gibt es nur in der Luft, die wir geatmet haben, mit Menschen, zu denen wir hätten reden, mit Frauen, die sich uns hätten geben können. Es schwingt, mit andern Worten, in der Vorstellung des Glücks unveräußerlich die der Erlösung mit. Mit der Vorstellung von Vergangenheit, welche die Geschichte zu ihrer Sache macht, verhält es sich ebenso. Die Vergangenheit führt einen heimlichen Index mit, durch den sie auf die Erlösung verwiesen wird. Streift denn nicht uns selber ein Hauch der Luft, die um die Früheren gewesen ist? ist nicht in Stimmen, denen wir unser Ohr schenken, ein Echo von nun verstummten? haben die Frauen, die wir umwerben, nicht Schwestern, die sie nicht mehr gekannt haben? Ist dem so, dann besteht eine geheime Verabredung zwischen den gewesenen Geschlechtern und unserem. Dann sind wir auf der Erde erwartet worden. Dann ist uns wie jedem Geschlecht, das vor uns war, eine schwache messianische Kraft mitgegeben, an welche die Vergangenheit Anspruch hat. Billig ist dieser Anspruch nicht abzufertigen. Der historische Materialist weiß darum.

und von einer möglichen Zukunft, die gerade durch diejenigen bewahrt zu bleiben scheint, die der vergangenen Zeit eingedenken:

Sicher wurde die Zeit von den Wahrsagern, die ihr abfragten, was sie in ihrem Schoße birgt, weder als homogen noch als leer erfahren. Wer sich das vor Augen hält, kommt vielleicht zu einem Begriff davon, wie im Eingedenken die vergangene Zeit ist erfahren worden: nämlich ebenso. Bekanntlich war es den Juden untersagt, der Zukunft nachzuforschen. Die Thora und das Gebet unterweisen sie dagegen im Eingedenken. Dieses entzauberte ihnen die Zukunft, der die verfallen sind, die sich bei den Wahrsagern Auskunft holen. Den Juden wurde die Zukunft aber darum doch nicht zur homogenen und leeren Zeit. Denn in ihr war jede Sekunde die kleine Pforte, durch die der Messias treten konnte.

Adorno und Horkheimer schreiben in den frühen 40ern von Hoffnung und Widerstand:

Die Hoffnung auf die besseren Verhältnisse, soweit sie nicht bloß Illusion ist, gründet weniger in der Versicherung, sie seien auch die garantierten, haltbaren und endgültigen, als gerade im Mangel an Respekt vor dem, was mitten im allgemeinen Leiden so fest gegründet ist. Die unendliche Geduld, der nie erlöschende zarte Trieb der Kreatur nach Ausdruck und Licht, der die Gewalt der schöpferischen Entwicklung in ihr selbst zu mildern und zu befrieden scheint, zeichnet nicht, wie die rationalen Geschichtsphilosophien, eine bestimmte Praxis als die heilsame vor, auch nicht die des Nichtwiderstrebens. Das erste Aufleuchten von Vernunft, das in solchem Trieb sich meldet und im erinnernden Denken des Menschen wiederscheint, trifft auch am glücklichsten Tage seinen unaufhebbaren Widerspruch: das Verhängnis, das Vernunft allein nicht wenden kann.

Es ist kein Zufall, dass die Autoren angesichts der Lage, die Ende der 30er und in den frühen 40ern weltweit herrschte, bloß negativ vom „glücklichsten Tage“ und der „bestimmten Praxis“ sprechen. Bedenken wir aber, dass das Verhängnis der Gewalt in der Welt nicht endgültig aufzuheben, sondern eben bestenfalls zu wenden ist – und zwar durch den Neid, den wir atmen, durch das Eingedenken in die vergangene Zeit, durch den „zarte[n] Trieb der Kreatur nach Ausdruck und Licht“ – bedenken wir dies alles, dann können und sollten wir uns in der entscheidend anderen Lage heute doch um eine bestimmte Praxis bemühen.

Wo ist nun dieser „zarte Trieb“ zu finden? Wer ist das Subjekt der Emanzipation? Nirgends und überall, niemand und jedeR, niemals und immer. Auch wenn die Position als Beherrschte die Menge der sich potenziell Emanzipierenden sie nicht unbestimmt lässt, sind sie nicht vorweg als sich Emanzipierende bestimmbar. Denn die Zeit ist eben nicht „homogen und leer“ und lässt sich von keinem noch so wahrhaften und radikalen Wahrsager oder Propheten voraussehen.

  1. Ein Punkt, auf den Bourdieu hinweist, wenn er schreibt: „Ich bin der festen Meinung, dass ein ebenso edler wie unrealistischer Elan eine ganze Reihe Gelehrter meiner Generation dazu gebracht hat, blindlings Parteirichtlinien zu folgen, und in einer Art Hörsaal-Radikalismus (wie Marx es unerbittlich formulierte) die Dinge der Logik mit der Logik der Dinge zu verwechseln, oder, um näher an der Gegenwart zu bleiben, Revolutionen in Wort und Schrift mit tatsächlich stattfindenden Revolutionen zu verwechseln.“ (u. a. hier; scheinbar auch in Sozialer Sinn, 92). [zurück]

4 Antworten auf „Über den Kommunismus reden?“


  1. 1 spiegelschrift 17. Juli 2010 um 19:29 Uhr

    Die aktuelle, 36., Ausgabe der Phase 2 beschäftigt sich mit der Frage, die hier den Titel bildet, und versucht zu diskutieren, wie Kommunismus denk- und sagbar ist, ohne hinter Adorno & co. zurückzufallen. Also vielleicht ganz interessant zu dieser Frage.

  2. 2 Administrator 20. Juli 2010 um 10:01 Uhr

    Die kann aber online noch nicht eingesehen werden, oder?

  3. 3 spiegelschrift 20. Juli 2010 um 10:49 Uhr

    In der Regel erst, wenn die nächste Ausgabe erschienen ist, dauert also noch eine kleine Weile.

  4. 4 spiegelschrift 21. Juli 2010 um 21:42 Uhr

    Auch sehr spannend und die Frage behandelnd: Kommunismus, aber wie?-Veranstaltung mit Hannes Gießler und Zwi.

    Input-Radiodiskussion:
    http://www.freie-radios.net/portal/content.php?id=28096
    Referate:
    http://www.freie-radios.net/portal/content.php?id=28563
    anschließende Diskussion:
    http://www.freie-radios.net/portal/content.php?id=28564

    ich hörte gerade erst die Radiodiskussion, fand die aber schon in die richtige Richtung weisend.

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