Wie kann die kapitalistische Produktionsweise (als gesellschaftliche Struktur) behauptet werden?

(Vor einiger Zeit habe ich mir diese Frage hier aufgeschrieben. Da sie mich nicht richtig loslässt, lasse ich sie mal frei):

Wie kann die kapitalistische Produktionsweise (als gesellschaftliche Struktur) behauptet werden? Ich will kritisch überprüfen, was die zu erfüllenden Voraussetzungen sind, um tatsächlich von der Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise sprechen zu können. Diese Frage scheint zunächst sehr abstrakt und theoretisch, aber sie ist fundamental. Von ihr hängt nämlich ab, ob heute von einer kapitlistischen Produktionsweise gesprochen werden kann und – logisch vorher – was „kapitalistische Produktionsweise“ überhaupt heißt.
Es knüpft sich auch die Frage an, wie die kapitalistische Produktionsweise überwunden werden kann. Denn dafür müssten – wenigstens scheint es mir so – eben diese Voraussetzungen verändert werden. Wenn heute tatsächlich von einer kapitalistischen Produktionsweise die Rede sein kann, dann muss eine Politik, deren Projekt es ist, sie zu überwinden, mit ihr die Voraussetzungen ihres Handelns im doppelten Sinne kennen: einerseits als Struktur der aktuellen Gesellschaft, in der gehandelt werden muss, andererseits als dasjenige, was überwunden werden soll. Und sicherlich schließt die Form der Produktionsweise bestimmte Arten der Politik aus, womit – zunächst erst negativ – auch schon Implikationen dazu gegeben sind, was für einer Art eine Politik sein müsste.

Vor ungefähr einem halben Jahr habe ich einen programmatischen Text zur „Praxistheorie“ oder „Praxeologie“ gelesen (Reckwitz 2003), die wohl in der Soziologie und überhaupt in den Humanwissenschaften eine Diskussion ausgelöst hat und sich als wissenschaftliche Position abzeichnen zu scheint. Mit allen möglichen großen Namen des 20. Jahrhunderts im Repertoire – von Heidegger und Wittgenstein über Foucault bis Bourdieu – versucht sie den Gegenstand der Humanwissenschaften neu zu denken; und in ihrem Rahmen wird vor allem dem Strukturalismus eine intellektualistische bias, also ein systematischer methodologischer Fehler vorgeworfen. Dieser beruhe darauf, dass die Struktur, die untersucht werden soll, bereits vorausgesetzt wird. Und ein „Strukturalist“, dem dies auch vorgeworfen wird, ist Marx. Diesen Vorwurf finde ich anregend um darüber nachzudenken, wo diese kapitalistische Produktionsweise überhaupt ist, die sich ja hinter dem Rücken der Akteure versteckt und ihnen nicht bewusst ist.
In diesem Sinn könnte es fruchtbar sein, den diesen Gegensatz zwischen „Praxistheorie“ und „marxtischem Strukturalismus“ zu diskutieren und dabei anhand einer aktuellen Debatte nach der Wissenschaftlichkeit und Aktualität von Marx‘ Analyse zu fragen.

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Reckwitz, A. (2003): Grundelemente einer Theorie sozialer Praktiken. Eine sozialtheoretische Perspektive. In: Zeitischrift für Soziologie. H. 4. S. 282-301, hier insbesondere S. 287.

Vgl. auch: Reckwitz, A. (1997): Struktur. Zur sozialwissenschaftlichen Analyse von Regeln und Regelmäßigkeiten. Opladen. S. 58-60.


7 Antworten auf „Wie kann die kapitalistische Produktionsweise (als gesellschaftliche Struktur) behauptet werden?“


  1. 1 spiegelschrift 28. Februar 2010 um 23:01 Uhr

    Ich kenn den Vorwurf nicht, aber ist der Versuch in den ersten Kapiteln des Kapitals nicht genau der, durch die Analyse der Basiskategorien (Gebrauchswert, Tauschwert, Wert) die daraus abgeleiteten Kategorien zu entwickeln (Geld, Zins, Kapital). Das Marx dabei wusste, worauf er hinauswill, ist für die Kritik dieser Analyse irrelevant, zu Fragen ist, ob sie fehlerhaft ist oder von falschen Axiomen ausgeht.
    Und ausgehend vom Fetisch-Begriff und seinen Arten (Warenfetisch, Geldfetisch, Kapitalfetisch, weiter folgernd: Staatsfetisch, Nationalismus, Antisemitismus) lässt sich Kapitalismus als gesellschaftliche Form durchaus behaupten (und meiner Meinung nach recht plausibel machen/effektiv für Analyse der Verhältnisse nutzen).
    Insofern erscheint es mir soweit erst einmal unplausibel, Marx diesen (mgl. für Strukturalist_innen zutreffenden Vorwurf) zu machen.

  2. 2 Administrator 28. März 2010 um 23:56 Uhr

    Ja, aber woher nimmt Marx diese Basiskategorien? Ich weiß nur, dass er sich darüber Gedanken gemacht haben wird, denn in den Grundrissen beginnt er noch mit dem Wert, nicht mit der Ware. Und wie können die daraus abgeleiten Kategorien Aussagekraft über bestimmte Gesellschaften beanspruchen?
    Gewissermaßen möchte ich also eine Kapitallektüre vornehmen, in dem Sinn, der auf dem Buchrücken von Michael Heinrichs Einführung beschrieben ist: „Umfassende Analysen des Kapitalismus haben bei der Linken wieder Konjunktur, doch bleibt die Auseinandersetzung mit Marx dabei oft oberflächlich, findet Michael Heinrich und plädiert für eine Neuaneignung der Marxschen Theorie […]“. Ab unter die Oberfläche also ;-)

    Die Schwierigkeit liegt nun auch darin, dass Marx in Das Kapital grundsätzlich entwickelt, was eine Gesellschaft überhaupt ist, in der die kapitalistische Produktionsweise herrscht. Es ist eben nicht die Analyse einer konkreten historischen Gesellschaft, sondern entwickelt Tendenzen und Gesetze, die sich unter der Bedingung der kapitalistischen Produktionsweise im Allgemeinen ergeben.
    Was das Ziel „der“ Praxistheorie zu sein scheint, ist aber Marx dafür zu kritisieren, dass sein methodologischer Zugang zur Realität falsch ist, da er immer schon das unterstellt, was erst zu behaupten wäre. Das wäre wahrscheinlich genau das, was unter diesem geheimnisvoll anmutenden Begriff Dialektik zu fassen wäre. Jedenfalls ist es der Praxistheorie zufolge eben doch relevant, ob er schon wusste worauf er hinauswill. Wenn nämlich schon unterstellt wird, was erst behauptet werden soll, dann wird diese Behauptung nicht durch einen methodologisch reflektierten Erkenntnisweg zum Objekt abgesichert, sondern die Behauptung wird bloß in folgender Form wiederholt: Die Behauptung dieser Gesellschaftsform ist wahr, weil diese Gesellschaftsform besteht.
    Meine Frage läuft also vielleicht hinaus auf eine gegenüberstellende Diskussion der „Methodologie“ der Dialektik von Marx auf der einen Seite und der Methodologie der Praxistheorie auf der anderen Seite.
    Das Problem ist aber nun, dass das Objekt der Erkenntnis der beiden Ansätze ein verschiedenartiges ist. Der Praxistheorie geht es um den methodologischen Zugang zu historisch genau zu verortender Praxis bzw. möglicherweise zu den Zusammenhängen solcher Praxen. Aber das ist, wie oben schon gesagt, gar nicht das Objekt der Untersuchung im Kapital. Vielmehr könnte sich der Angriff der Praxistheorie also an einen Marxismus wenden, der die Analyse von Marx bloß auf eine historische Gesellschaft überträgt, ohne sich der methodologischen Voraussetzungen bewusst zu sein bzw. sie zu reflektieren. Oder aber die Kritik könnte überhaupt eben dieser Form der Untersuchung gelten, die von der konkreten Gesellschaft zu abstrahieren sucht.
    Aber ist die Analyse des Kapitals wirklich so abstrakt? Denn ist ja klar, dass er das England des 19. Jahrhunderts vor Augen
    hat und seine Analysen irgendwie davon ausgehen. Es wäre also zu fragen, wie genau sie davon ausgehen und wie Marx seine Begriffe so konstruiert, dass er mit ihnen jenen Grad an Allgemeinheit behauptet. Wie sich seine Theorie also zu der konkreten Gesellschaft verhält.

    Übrigens ist mir gerade aufgefallen, dass das oben angeführte politische Interesse dafür, mir diese Fragen zu stellen, ja schon mehr oder weniger unewbusst davon ausgeht, dass die Analyse in Das Kapital zutrifft. Ohne dass ich also davon schreiben wollte, steckt da wohl drin, dass ich eine ganz andere Gesellschaft erhoffe und auch wenigstens den Funken eines Glaubens an ihre Möglichkeit habe. Ausgesprochen irrational!

  3. 3 spiegelschrift 30. März 2010 um 19:24 Uhr

    Mit der Behauptung, das es eine Relevanz hat, „ob er schon wusste worauf er hinauswill“, oder eben nicht – und auch noch die zweite Möglichkeit bevorzugt wird, wird meiner Meinung nach schon ein fundamentaler Fehler gemacht. Denn ich würde behaupten, das Wahrnehmen der Welt immer Interpretation ist, die immer an einer bestimmten Erwartungshaltung erfolgt. Zu behaupten, völlig ohne Erwartung an das Wahrzunehmende an dieses heranzutreten, ist Verschleierung eben jener Erwartungshaltung.
    Und um zu Marx zu kommen: Marx macht ja explizit, dass er parteilich ist. Insofern ist auch klar, worauf er hinauswill (Kommunismus). Eine Theorie, die den Vorsatz hat, ohne eigene Normativität nur zu beschreiben, was sie im Konkreten vorfindet, würde eben gegen Marx wieder nur „die Welt beschreiben“, nicht aber „sie … verändern“.
    Und zu Verhältnis von Konkretem und Abstrakten gibt es ja einige marxistische Arbeiten, die dann entweder eine Ableitung (letzterem aus ersterem) postulieren oder ein komplexeres, dialektisches Verhältnis aufmachen. Wenn wir beim Begriff der Werts bleiben, denke ich, das eine Verweigerung gegenüber der Abstraktion, gleichermaßen ein Fetisch des Konkreten, aber eben genau die Fetischhaftigkeit der Ware reproduzieren und ihn darin nicht erkennen können. Frei nach dem dialektischem Dreischritt ist also die Negation des Konkreten in der Kritik nötig, um zu einer konkreten Praxis als Negation der Negation zu kommen. (Insofern auch auf die Frage „Wie sich seine Theorie also zu der konkreten Gesellschaft verhält“ die Antwort, dass sich das in der Praxis beantwortet, die sich eben auch dialektisch und nicht einfach-abgeleitet aus der Theorie ergibt.)

    Zu deinem Abschluss. Nur das die Analyse in den ersten Kapiteln des Kapitals zutrifft, sichert dir noch nicht die Chance auf eine ganz andere Gesellschaft (siehe insb. Adorno).

  4. 4 Administrator 25. April 2010 um 14:38 Uhr

    Ich würde einige Sachen auseinanderhalten wollen. 1. Theorie vs. Normatives: Der normative Anspruch ist meines Erachtens nicht für die Analyse des Kapitals notwendig oder hilfreich ist. (D. h. nicht, dass er auch im Allgemeinen nicht nötig ist.) 2. Theorie vs. Praxis: Die konkrete Praxis, die Negation der bestehenden Verhältnisse ist kein theoretischer Akt, sondern eine konkrete politische Praxis. Es ist sogar überhaupt fragwürdig, ob eine emanzipatorische Praxis im strengen Sinne Theorie benötigt oder sie nicht vielmehr höchstens gebrauchen kann (ohne sie zu missbrauchen).
    Damit ist vielleicht etwas verständlicher, warum ich die eigentlich recht simple Problemstellung für fragenswert halte. Denn selbst wenn unsere Wahrnehmung durch Erwartungen beeinflusst ist, ist deswegen das Voraussetzen des Resultats nicht weniger problematisch. Ich gehe davon aus, dass die Welt prinzipiell erkennbar ist. Und dann muss die Realität irgendwie ja als Korrektiv ihrer Beschreibung funktionieren können. Ansonsten ist jede Beschreibung willkürlich. – Vielleicht meine ich das ganz im Sinne eines Vorranges des Objekts.
    Wenn die Beschreibung aber der Untersuchung vorausgesetzt wird, die sie erst hervorbringen soll, wenn eine Beschreibung also vor der Untersuchung als wahr gesetzt wird, dann ist die Beschreibung nicht gezwunden, sich durch ihr Objekt korrigieren zu lassen. Sie verkommt zur Wiederholung des Immergleichen. Analog hierzu: „Wenn im mathematischen Verfahren das Unbekannte zum Unbekannten einer Gleichung wird, ist es damit zum Altbekannten gestempelt, ehe noch ein Wert eingesetzt ist.“ (Dialektik der Aufklärung, S. 31.)

    Eben bei Adorno habe ich gerade zu deinem letzten Hinweis etwas gelesen, was ich treffend finde: „Indem Geschichtsphilosophie die humanen Ideen als wirkende Mächte in die Geschichte selbst verlegte und diese mit deren Triumpf endigen ließ, wurden sie der Arglosigkeit beraubt, die zu ihrem Inhalt gehört. […] So tragen Christentum, Idealismus und Materialismus, die an sich auch die Wahrheit enthalten, doch auch ihre Schuld an den Schurkereien, die in ihrem Namen verübt worden sind.“ (Ebd., S. 236.)

  5. 5 spiegelschrift 26. April 2010 um 15:26 Uhr

    zu 1.: Wie schon ausgeführt haben wir da unterschiedliche Thesen, die wir zu Grunde legen: Ich gehe davon aus, das jede Position normativen Anspruch hat, ob dieser nun offen gelegt ist, oder nicht, und weiter, das eine Verneinung dieses normativen Anspruchs Verschleierung ist. Also meine Position: Irgendwas setzt du vor Beginn der Untersuchung immer „als wahr“. Nicht der Versuch, es nicht zu tun, ist die Lösung, sondern es bewusst zu tun.
    zu 2.: Ich widerrum gehe davon aus, das sog. emanzipatorische Praxis ohne theoretische Fundierung mit Glück emanzipatorisch ist, mit Pech wirkungslos oder gar regressiv, während mit theoretischer Fundierung dies weniger Frage des Glücks ist.
    Und sicherlich muss die Realität als Korrektiv der Theorie dienen können, aber das tut sie auch bei Marx, behaupte ich. Das Problem dabei ist nur sicher, dass die Dinge (an sich) keinerlei (sozialwissenschaftliche oder philosophische) Theorie begründen oder widerlegen können, da diese soziale Verhältnisse beschreiben, die ja Selbstinterpretationen der Gesellschaft/der Menschen sind, und erst über das Handeln der Menschen Realität werden.
    Und zu dem Adorno-Zitat: Das betrifft aber ja die Marxsche Geschichtsphilosophie, nicht seine Kapitalismusanalyse.

  6. 6 Administrator 11. Mai 2010 um 23:47 Uhr

    Ich verstehe nicht, was du mit „normativen Anspruch“ meinst? Was ist daran normativ, dass etwas vor einer Untersuchung als wahr gesetzt ist? Was ist der Charakter des Sollens daran?

    Und ich glaube eine wichtige Frage meiner Arbeit wäre genau dieses, wie das Verhältnis von Theorie und Dingen ist. Davon habe ich noch keine klaren Begriffe.

  1. 1 Notizen zu den konkurrierenden „Wirklichkeiten“ von Bourdieu und Marx « hickey Pingback am 28. Februar 2010 um 4:51 Uhr
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