Notizen zu den konkurrierenden „Wirklichkeiten“ von Bourdieu und Marx

In einem schönen Aufsatz zur Einführung in Bourdieus Werk von Beate Krais gibt’s aufschlussreiche Stellen zum Verhältnis von Theorie und Praxis und dazu, wie soziale Realität verstanden werden muss.

(Krais 2004: 194): Im Zusammenhang mit dem Begriff des Habitus zur Frage, wo die soziale Realität ist, gibt sie das Zitat: „Die soziale Realität existiert sozusagen zweimal, in den Sachen und in den Köpfen, in den Feldern und in den Habitus, innerhalb und außerhalb der Akteure“ (Bourdieu/Wacquant 1996: 161)

Zu Bourdieus Kritik an Marx Begriff der Klasse: S. 195ff. Zentral scheint dabei der Begriff der Wirklichkeit zu sein. Marx‘ Klassen seien keine „wirklichen“. Und: „Was die Soziologen ‚Lebensführung‘ nennen, ist eine soziale Praxis, die soziale Strukturen, in diesem Falle wirkliche, das heißt als solche auch wahrgenommene und im Handeln der Akteure hergestellte soziale Klassen produziert.“
Muss deswegen Marx‘ Klassenbegriff fallen gelassen werden? Kann die Klasse nicht objektiv existieren und von den Akteuren nicht wahrgenommen werden (das implizierte ja Bewusstsein)? Oder heißt letzteres immer, dass die Klasse nirgends sonst als auf dem Papier, im Kopf des Theoretikers existiert?
Marx lässt sich Bourdieu zufolge offenbar durch die ’scholastische bias‘ (205) täuschen: „Der mit der scholastischen Sicht verbundene Irrtum besteht [u.a.] darin […], ’so zu tun, als ob die Konstruktionen, die der Wissenschaftler produzieren muß, um die Praktiken zu verstehen, (…) das bestimmende Prinzip dieser Praktiken wären‘ (Bourdieu 1998b:210).“
Und in der Tat sind die Klassenstrukturen, die Marx in Das Kapital analysiert keine soziale Wirklichkeit im oben beschriebenen Sinn. Die analytischen Unterschiede, die für Marx den Unterschied der Klassen ausmachen, sind ganz andere als diejenigen Unterschiede, mit welchen sich Individuen sich „einer Gruppe von Individuen [bzw. Klasse] zuordnen oder sich von ihr abgrenzen.“ (198) Deswegen haben die Klassen von Marx erstmal nichts mit den Klassen der Wirklichkeit zu tun. Sie sind jeweils anders bestimmt. Die entscheidende Frage ist nun aber, ob deswegen die Marxsche Klassenanalyse hinfällig ist.
Eine Möglichkeit Marx Thesen zu stärken wäre, zu betonen, dass er in Das Kapital nicht die Klassen einer raum-zeitlich bestimmten Gesellschaft analysiert, sondern die Klassenstruktur, wie sie die kapitalistische Produktionsweise überhaupt hervorbringt. Und damit ist wiederum die Frage an Marx gestellt, wie denn der Zusammenhang zu verstehen ist zwischen der abstrakten Analyse jeder Gesellschaft, in der die kapitalistische Produktionsweise herrscht, auf der einen Seite und auf der anderen Seite jeder jeweils „wirklichen“ Gesellschaft.

Meine Intuition sagt mir, dass: wenn Marx ernst genommen wird, wohl behauptet werden muss, dass seine Gesellschaftsanalyse sozusagen noch eine Stufe tiefer liegt als die Analysen Bourdieus. Sie ginge ihr logisch voraus. Doch wie kann dies methodologisch gesichert werden? Kann es das überhaupt?
Die Frage stelle ich mir öfters. Falls ich hier also einfach die ‚Sprache feiern lassen‘ und auf einem Holzweg bin, möge es mir gesagt werden.

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Bourdieu, P., Wacquant, L. (1996): Reflexive Anthropologie, FfM.

Bourdieu, P. (1998): Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns. FfM.

Krais, Beate (2004): Soziologie als teilnehmende Objektivierung der sozialen Welt: Pierre Bourdieu. In: Stephan Moebius, Lothar Peter (Hrsg.): Französische Soziologie der Gegenwart. Konstanz. S. 171-210.