Die Schuld der „Schmarotzer“

Will man „Leistungsträger“ sein, dann identifiziert man sich am besten mit der FDP. Und als „Leistungsträger“ ist die Ausbeutung das dringlichste Politikum. Warum? Ja, weil gerade diejenigen, die den „Fortschritt“ der Gesellschaft ausmachen, vom Vertreter der „Sozialschmarotzer“ ausgepresst werden: dem Sozialstaat: Pfui!
Diese bewährte Polemik hat nicht erst seit Sloterdijks „gebender Hand“ (dazu auch u.a.: die Jungle World und Monsieur Honneth) wieder Aufschwung. Angesichts des Abschwungs im Zuge der Wirtschaftskrise und nun auch + der „Weiter so“-Regierung ist mit den „Sozialschmarotzern“ wieder ein schwacher Gegner Zielscheibe von Angriffen.
Fabian Lindner zeigt im Herdentrieb-Blog, dass die Interessenvertretung der „Leistungsträger“ vielleicht ein bisschen einseitig sein könnte. Er fragt, „wer eigentlich die Sozialschmarotzer sind“ und stellt heraus, dass die „Leistungsträger“ insgesamt sehr viel „parasitärer“ sind als die viel üblicheren Sündenböcke.

Ein mulmiges Gefühl hinterlässt, dass der Herdentrieb-Blog dabei in der unangenehmen Art des Fragens danach bleibt, „wer denn der eigentlich wahre Sündenbock ist“. Richtig ist dennoch die augenscheinliche Einseitigkeit des Arguments „Hartz IV-Empfänger=Sozialschmarotzer“. Und das, obwohl die Konstruktion einer vollkommen fiktiven Statistik durch den Herdentrieb-Blog den gegnerischen Polemikern entgegenkommt. Diese fiktive Statistik lässt die Hartz IV-Empfänger nämlich fünf mal schlechter da stehen als etwa die Einschätzung der Nürnberger Bundesagentur, „dass der Anteil der Menschen, die missbräuchlich Hartz-IV-Leistungen beziehen, in der Realität bestenfalls zwei Prozent ausmacht.“ (Berthol Paetz im Freitag)

Also: Nicht erst, wenn die eigentliche Schuld fragwürdig bei den „Parasitären da oben“ gefunden wird oder die Arbeitslosigkeit als Produkt unseres Wirtschaftssystems verstehbar wird; sondern wenn nur von zwei Prozent „Missbrauch“ auszugehen ist, zeigt sich schon rein statistisch, dass das Wort „Sozialschmarotzer“ nichts als ein ideologischer Kampfbegriff ist.


2 Antworten auf „Die Schuld der „Schmarotzer““


  1. 1 hickey 20. Februar 2010 um 19:45 Uhr

    Franz Segbers in der taz: „Solange sich diese Gesellschaft als Arbeitsgesellschaft definiert, die also gesellschaftliche Teilhabe und Einkommen an Arbeit bindet, muss jeder Zugang zu existenzsichernder Arbeit haben.“ (http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/es-muss-umverteilt-werden/)

    Woher soll diese Norm ihre Kraft nehmen? Hier scheint implizit schon der Grundsatz von der gleichen Freiheit der Menschen vorausgesetzt zu sein.

  2. 2 hickey 21. Februar 2010 um 13:51 Uhr

    Franz Segbers schreibt aus der theologischen Ecke über Wirtschaftsethik. Er hat eine Art Idee von Befreiung.

    Dazu hier: http://www.franz-segbers.de/Pages/Texte.html

    „Arbeit wurde zu Erwerbsarbeit und zur zentralen Säule der Gesellschaft, die deshalb als Arbeitsgesellschaft bezeichnet wird und heute in der Krise zu sein scheint“

    „So bliebt eine tiefe Differenz des Arbeitsethos der antiken Welt zur modernen Arbeitsgesellschaft, die Werner Conze so beschreibt: „In der modernen Erwerbswelt aber darf es reine Zufriedenheit nicht mehr geben, weil sie prinzipiell Stillstand oder Rückschritt bedingt. So führt keine Brücke von der christlichen Arbeit zum modernen ‚Kapitalismus’. Die moderne Arbeitswelt ist achristlich, im Kern antichristlich, mochte das auch in ihrem Aufkommen verschleiert werden; denn in der politischen sozialen Praxis gab es genug fließende Übergänge vom Arbeitsethos des Protestantismus zur modernen Wertung der Arbeit.““

    Der „modernen“ Arbeit wird ein positiver Arbeitsbegriff gegenübergestellt: „Jenseits der Krise der Erwerbsarbeit liegt nicht der Zwang, mehr Arbeit um der Arbeit willen zu schaffen, sondern dank technologisch bedingter Produktivität eine Befreiung zu einer Freiheit in sinnvollen, lebensfördernden, zweckfreien und selbstbestimmten Tätigkeiten.“

    „Die biblische Erinnerung an Ägypten hält zu einer entsprechenden Praxis der Befreiung um der Humanität und Würde der Arbeit willen an. Doch dass diese Entwicklung sich anbahnt, geschieht nicht von selbst, sondern verlangt unseren Kampf und unseren Widerstand.“

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