Gedankenfusel zu einem Soziokratie-Video

Mit dem Begriff der Gouvernementalität betont Foucault also zweitens die besondere Machtform Regierung, wie sie in der modernen Gesellschaft ihre Wirkung entfalte. Diese Regierung sei gekennzeichnet durch das Zusammenwirken von äußerer Fremdführung und Disziplinierung einerseits und innerer Selbstführung, Selbstdisziplin und Selbstmanagement der Individuen andererseits.

Ich bin gerade auf ein Video (*klick*) gestoßen worden und dachte mal, dazu ein paar Gedanken hier hinfließen zu lassen. (Namen von Autoren, deren Werke ich nicht gelesen habe und Begriffe, mit denen ich mich nicht eingehend beschäftigt habe, sind mit Blick daraufhin zu entschuldigen, dass sie signalisieren, was ich gerne wissen würde und sollen gar nicht sowas bedeuten wie: „Was ich nicht alles tolles schon vom Sagenhören kenne!“ *ähem*)

Die Arbeitsverhältnisse der „Soziokratie“ gehen wahrscheinlich einher damit, auch während der Arbeit besser im Einklang mit sich selbst leben zu können (was allerdings erst kritisch zu prüfen wäre). Wenn die Alternative besteht zwischen einerseits soziokratischen Verhältnissen auf gleicher Augenhöhe mit den Mitarbeitenden und andererseits einem klassisch-hierarchischen Verhältnis mit Vorgesetzten und Ausführenden: dann würde ich „Soziokratie“ auch vorziehen! Aber ist das (nur) gut?
Es erinnert mich an Foucaults Gouvermentalité. Ich würde diese neuen Herrschaftsformen nicht als „gut“ bezeichnen, sondern als notwendig angesichts der neuen Komplexität der postfordistischen Arbeitsverhältnisse und letztendlich als effektivere Herschaftsform als die alte autoritäre Führung von Unternehmen. Dabei schließen sich „Soziokratie“ und autoriäre Führung nicht aus, denn „Soziokratie“ wird sicher nur in postfordistischen Dienstleistungsverhältnissen praktiziert. Klassische fordistische Arbeitsverhältnisse, die in andere Orte gebracht wird, wird auch klassisch hierarschisch autoritär geführt.
Gefährlich ist das ganze, weil die Menschen die Herrschaft des Kapitals verinnerlichen, indem sie sich selbst führen, aber eben nicht selbstbestimmt in einem starken Sinne, sondern höchstens begrenzt selbstbestimmt. Und das mit der „Soziokratie“ die wirkliche Selbstbestimmung aufgegeben wird zeigt sich dann, wenn die Leute begeistert sagen: „Hey, wir brauchen keine Demokratie mehr!“ Als wenn jemals wirkliche demokratische Selbstbestimmung dominiert hätte.
Ich will das Konzept der „Soziokratie“ gar nicht schlecht machen, sondern nur stark machen, dass wir so Herrschaft nicht überwinden.
Sehr optimistisch gesehen kann darin sogar etwas positives versteckt sein. In Anschluss an Marx‘ These, dass jede neue Produktionsweise ihre Voraussetzungen in der vorangegangen hat, können tatsächlich in diesen („soziokratischen“) Verhältnissen Grundlagen zu finden sein, um eine neue befreite Gesellschaft zu verwirklichen. Aber dazu dürfen sie nicht einfach als „gut“ bezeichnet werden, sondern es ist auch ein Bewusstsein über die Begrenztheit notwendig.


1 Antwort auf „Gedankenfusel zu einem Soziokratie-Video“


  1. 1 Einsatz von Web 2.0 in Unternehmen und Arbeitsverhältnisse « hickey Pingback am 18. Dezember 2009 um 15:01 Uhr
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